Die Unternehmensbewertung erfolgt typischerweise über Multiplikatoren (3-7x EBIT) oder das DCF-Verfahren. Der Wert hängt von Faktoren wie Ertragskraft, Wachstum, Marktposition und Risiken ab. Für eine fundierte Bewertung sollten mehrere Methoden kombiniert werden.
"Was ist mein Unternehmen wert?" Diese Frage beschäftigt jeden Unternehmer irgendwann – sei es für einen geplanten Verkauf, eine Nachfolgeregelung, die Aufnahme von Investoren oder schlicht aus Neugier.
Die Antwort ist komplexer als eine einfache Zahl: Der Unternehmenswert hängt von zahlreichen Faktoren ab und kann je nach Bewertungsmethode und Bewertungszweck unterschiedlich ausfallen.
Bewertungsanlässe
Die Unternehmensbewertung ist in verschiedenen Situationen relevant:
Transaktionsbezogen:
- Verkauf des Unternehmens
- Kauf eines Unternehmens oder Beteiligung
- Management Buy-out (MBO)
- Aufnahme von Investoren
- Fusion mit einem anderen Unternehmen
Nicht transaktionsbezogen:
- Nachfolgeplanung
- Erbschaft und Schenkung
- Gesellschafterauseinandersetzung
- Kreditverhandlungen
- Strategische Planung
Bewertungszweck beachten
Der Bewertungszweck beeinflusst die Methodik. Eine steuerliche Bewertung folgt anderen Regeln als eine Verkaufsbewertung. Kommunizieren Sie den Zweck klar an Ihren Berater.
Die wichtigsten Bewertungsmethoden
1. Multiplikator-Methode
Die am häufigsten verwendete Methode in der Praxis. Einfach, schnell und marktorientiert.
Formel:
Unternehmenswert = Bezugsgröße × Multiplikator
Gängige Bezugsgrößen:
- EBIT (Earnings Before Interest and Taxes): Operatives Ergebnis vor Zinsen und Steuern
- EBITDA (EBIT + Abschreibungen): Cash-Flow-nahe Größe
- Umsatz: Bei Wachstumsunternehmen ohne Gewinn
Beispielrechnung EBIT-Multiple: | Position | Wert | |----------|------| | Bereinigtes EBIT | 800.000 € | | Branchenmultiple | 5,0x | | Enterprise Value | 4.000.000 € | | - Nettofinanzverbindlichkeiten | 500.000 € | | Equity Value (Kaufpreis) | 3.500.000 € |
Branchenübliche Multiplikatoren:
| Branche | EBIT-Multiple | EBITDA-Multiple | |---------|---------------|-----------------| | Software/IT | 8-12x | 10-15x | | E-Commerce | 6-10x | 8-12x | | Maschinenbau | 4-6x | 5-7x | | Handel | 3-5x | 4-6x | | Handwerk | 3-4x | 4-5x | | Gastronomie | 2-4x | 3-5x |
Vorsicht bei Multiplikatoren
Multiplikatoren sind Durchschnittswerte. Der individuelle Multiple Ihres Unternehmens kann deutlich abweichen – nach oben wie nach unten. Blindes Anwenden von Branchenmultiplikatoren führt zu Fehlbewertungen.
2. DCF-Verfahren (Discounted Cash Flow)
Das theoretisch fundierteste Verfahren, basierend auf der Abzinsung zukünftiger Cash Flows.
Vereinfachte DCF-Formel:
Unternehmenswert = Σ (FCFt / (1+r)^t) + TV / (1+r)^n
Wobei:
- FCF = Free Cash Flow
- r = Diskontierungssatz (WACC)
- TV = Terminal Value
- t/n = Jahr
Vor- und Nachteile:
| Vorteile | Nachteile | |----------|-----------| | Theoretisch fundiert | Stark planungsabhängig | | Berücksichtigt Zukunft | Aufwändig in der Erstellung | | Individuell anpassbar | Viele Annahmen erforderlich | | Transparente Werttreiber | Sensibel auf kleine Änderungen |
3. Ertragswertverfahren
Das klassische Verfahren nach IDW S 1, häufig in Deutschland bei Gesellschafterauseinandersetzungen und steuerlichen Bewertungen.
Funktionsweise:
- Ermittlung des nachhaltigen Jahresertrags (bereinigt)
- Kapitalisierung mit risikoadäquatem Zinssatz
- Addition von Sonderwerten (nicht betriebsnotwendiges Vermögen)
Formel:
Ertragswert = Nachhaltiger Ertrag / Kapitalisierungszinssatz
Beispiel:
- Nachhaltiger Ertrag: 400.000 €
- Kapitalisierungszinssatz: 10%
- Ertragswert: 4.000.000 €
4. Substanzwertverfahren
Ermittelt den Wert aller Vermögensgegenstände abzüglich Schulden.
Anwendung:
- Asset-intensive Unternehmen (Immobilien, Produktion)
- Liquidationswertermittlung
- Wertuntergrenze bei anderen Verfahren
- Unternehmen mit geringer Ertragskraft
Berechnung:
Substanzwert = Summe aller Vermögenswerte (zu Marktwerten)
- Summe aller Verbindlichkeiten
Methodenkombination empfohlen
In der Praxis werden mehrere Methoden parallel angewendet und die Ergebnisse verglichen. Das gibt ein besseres Gefühl für die Wertbandbreite.
Werttreiber und Wertminderer
Faktoren, die den Wert steigern
Finanzielle Faktoren:
- Stabiles, wachsendes EBIT
- Hohe EBIT-Marge
- Starker Cash Flow
- Geringe Verschuldung
- Wiederkehrende Umsätze
Strategische Faktoren:
- Marktführerschaft in Nische
- Einzigartige Technologie oder IP
- Starke Marke
- Diversifizierte Kundenbasis
- Skalierbarkeit des Geschäftsmodells
Operative Faktoren:
- Unabhängiges Management-Team
- Dokumentierte Prozesse
- Geringe Inhaberabhängigkeit
- Qualifizierte Mitarbeiter
- Moderne IT-Infrastruktur
Faktoren, die den Wert mindern
Risikofaktoren:
- Hohe Kundenkonzentration (Top-Kunde > 20% Umsatz)
- Starke Inhaberabhängigkeit
- Auslaufende Schlüsselverträge
- Offene Rechtsstreitigkeiten
- Veraltete Technologie
Strukturelle Faktoren:
- Sinkende Umsätze/Erträge
- Branche im Niedergang
- Regulatorische Risiken
- Hoher Investitionsbedarf
- Pensionsverpflichtungen
EBIT-Bereinigung: Die Basis für eine faire Bewertung
Das bereinigte EBIT ist die wichtigste Kennzahl für die Multiplikator-Bewertung. Ziel ist die Ermittlung der nachhaltigen Ertragskraft.
Typische Bereinigungen
Addbacks (erhöhen das EBIT):
- Überhöhtes Inhabergehalt (Differenz zu Marktgehalt)
- Einmalige Kosten (Rechtsstreit, Umzug, Restrukturierung)
- Private Ausgaben über die Firma
- Nicht betriebsnotwendige Aufwendungen
Abzüge (reduzieren das EBIT):
- Zu niedriges Inhabergehalt
- Nicht aktivierte Investitionen
- Einmalige Erträge
- Aufgeschobene Instandhaltung
Beispiel EBIT-Bereinigung:
| Position | Betrag | |----------|--------| | Ausgewiesenes EBIT | 350.000 € | | + Inhabergehalt über Marktniveau | 80.000 € | | + Einmalige Anwaltskosten | 30.000 € | | + Private Pkw-Nutzung | 15.000 € | | - Aufgeschobene Wartung | -25.000 € | | Bereinigtes EBIT | 450.000 € |
Tipp für Verkäufer
Dokumentieren Sie alle Bereinigungen sorgfältig und transparent. Käufer werden jede Position hinterfragen. Nur nachvollziehbare Bereinigungen werden akzeptiert.
Enterprise Value vs. Equity Value
Ein häufiges Missverständnis bei Bewertungen: Enterprise Value ist nicht gleich Kaufpreis.
Definitionen
Enterprise Value (EV): Der Gesamtwert des Unternehmens, unabhängig von der Finanzierung. Was ein Käufer für das gesamte operative Geschäft bezahlen würde.
Equity Value: Der Wert des Eigenkapitals – das, was nach Abzug von Schulden und Addition von Cash für die Gesellschafter übrig bleibt. = Kaufpreis für die Anteile
Umrechnung
Equity Value = Enterprise Value
- Finanzverbindlichkeiten
+ Cash und Cashäquivalente
- Pensionsrückstellungen
+/- Working Capital Anpassung
Beispiel:
| Position | Wert | |----------|------| | Enterprise Value (5x EBIT von 600.000 €) | 3.000.000 € | | - Bankdarlehen | -400.000 € | | - Gesellschafterdarlehen | -200.000 € | | + Kassenbestand/Bankguthaben | +150.000 € | | - Pensionsrückstellung | -100.000 € | | Equity Value = Kaufpreis | 2.450.000 € |
Bewertung beauftragen
Wer erstellt Unternehmensbewertungen?
M&A-Berater:
- Praxisorientierte Marktbewertung
- Fokus auf erzielbaren Verkaufspreis
- Oft Teil des Verkaufsmandats
Wirtschaftsprüfer:
- Formale Bewertungsgutachten
- Anerkannt bei Gerichten und Finanzämtern
- Für steuerliche oder rechtliche Zwecke
Unternehmensberater:
- Strategische Bewertungen
- Oft mit Optimierungsempfehlungen
- Für interne Zwecke
Kosten einer Unternehmensbewertung
| Art | Kosten | Anwendung | |-----|--------|-----------| | Indikative Bewertung | 2.000-5.000 € | Erste Orientierung | | Vollständiges Gutachten | 8.000-20.000 € | Verkauf, Nachfolge | | IDW S 1 Gutachten | 15.000-50.000 € | Rechtliche/steuerliche Zwecke |
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Bewertung im Verkaufsprozess
Im Transaktionskontext ist die Bewertung nur der Ausgangspunkt – der tatsächliche Preis ergibt sich durch Verhandlung.
Preisbildung in der Praxis
Faktoren, die den Preis über die Bewertung heben:
- Mehrere Interessenten (Bieterwettbewerb)
- Strategische Bedeutung für Käufer
- Dringlichkeit des Käufers
- Gute Verhandlungsführung
Faktoren, die den Preis unter die Bewertung drücken:
- Nur ein Interessent
- Zeitdruck beim Verkäufer
- Findings in der Due Diligence
- Schwache Verhandlungsposition
Kaufpreisstrukturierung
Nicht immer wird der volle Preis sofort gezahlt:
Upfront Payment: Sofortzahlung bei Closing (60-80% üblich)
Earn-Out: Erfolgsabhängige Nachzahlung über 1-3 Jahre
Verkäuferdarlehen: Stundung eines Teils des Kaufpreises
Escrow: Einbehalt zur Absicherung von Garantien